== Methodische Grundlagen der Earned-Value-Analyse ==

=== Motivation ===

Eine der zentralen Herausforderungen in jedem Projekt ist es, den Fortschritt über seine Laufzeit zu überwachen und bei Abweichungen von Planvorgaben steuernd einzugreifen. Ein in Projektmanagement-Standards etabliertes und in der Literatur beschriebenes Grundkonzept hierfür ist das "Magische Dreieck", das einen Zusammenhang zwischen den folgenden messbaren Zielgrößen herstellt: 

* Aufwand, 
* Zeit, 
* Leistung. 

Durch die Verknüpfung mit Preisen kann der Aufwand in Kosten umgerechnet werden. Der Parameter Zeit drückt sich in Projektdauer und Terminen aus.

Auf dem Magischen Dreieck basiert die Earned-Value-Analyse (auch Leistungsanalyse, Fertigstellungswertmethode oder Arbeitswertanalyse genannt), kurz: EVA . Sie ermöglicht es, durch fortlaufende parallele Messung dieser drei Parameter Aussagen über die terminliche und kostenmäßige Entwicklung des Projektes abzuleiten. EVA wurde Mitte der Sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts vom amerikanischen Verteidigungsministerium (DoD) entwickelt und danach von zahlreichen Institutionen übernommen (u.a. NASA, Project Management Institute (PMI)). Die Methode ist stark kostenorientiert, dient aber auch dem Risikomanagement in Projekten.

Die in Top-Logic Project verwendeten Bezeichnungen für die Earned-Value-Analyse orientieren sich am Project Management Body of Knowledge (PMBOK (R)), dem Projektmanagement-Standard des PMI. Methodisch tritt in der Anwendung allerdings der Grundgedanke des Magischen Dreiecks stärker in den Vordergrund, d.h. auch wenn die PMBOK-Begriffe zum Teil das Wort "Kosten" beinhalten, werden sie in Top-Logic Project zunächst mit den Kerninformationen Aufwand bzw. Leistung verknüpft. Aus diesen ergeben sich dann unter Verwendung definierbarer Umrechnungssätze Erkenntnisse über Kostenentwicklungen. Durch diese Vorgehensweise soll einerseits die Konsistenz zu einem etablierten Projektmanagement-Standard, andererseits die erforderliche methodische Strenge gewährleistet werden.

Für das Berichtswesen eines Projekts (oder allgemeiner: eines Projektstrukturplanelements (PSP-Element)) sind drei Parameter von grundlegender Bedeutung:

* Planwerte,
* Istwerte,
* Restwerte.

Sie stellen die Basisgrößen der Earned-Value-Analyse dar. 

Zur Bestimmung des Restwertes gibt der zuständige Verantwortliche an, wieviel Aufwand die Fertigstellung seines PSP-Elements noch erfordert, ausgehend vom aktuellen Istwert. Dies ist eine Variante der %-Completion-Methode zur Bestimmung des Fertigstellungsgrades eines PSP-Elements. Eine andere Möglichkeit besteht in der Nennung eines Prozentwertes für den Fertigstellungsgrad. Die Umsetzung in den Unternehmensalltag hat jedoch gezeigt, dass es für den betreffenden Mitarbeiter leichter ist, den Fertigstellungsgrad indirekt in Form eines Restaufwandes als direkt prozentual anzugeben. Im Sinne eines Best-Practice-Ansatzes folgt Top-Logic Project daher der Restaufwand-Philosophie.


=== Basisgrößen ===

Zur Durchführung der Earned-Value-Analyse auf einem PSP-Element sind folgende Basisgrößen einzugeben:

* '''Planned Value (PV)''': geplanter Aufwand, zu erbringende Leistung <br> PV beschreibt den kumulierten Aufwand, der planmäßig zu einem gegebenen Berichtszeitpunkt (in der Regel: Projektmonat) erbracht sein soll. Er wird vor dem eigentlichen Beginn des PSP-Elements im Rahmen der Planung für die gesamte Laufzeit des PSP-Elements festgelegt und ergibt die Baseline, gegen die sein Fortschritt gemessen wird. Ein Spezialfall des PV ist

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* '''Budget At Completion (BAC)''': geplanter Gesamtaufwand, zu erbringende Gesamtleistung <br> BAC beschreibt den kumulierten Gesamtaufwand, der planmäßig zum Ende des PSP-Elements erbracht sein soll.

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* '''Actual Cost (AC)''': geleisteter Aufwand, erbrachte Leistung <br> AC beschreibt die kumulierte Leistung, die tatsächlich auf dem PSP-Element bis zum jeweiligen Berichtszeitpunkt erbracht wurde. Dieser Wert wird monatlich aktualisiert.

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* '''Estimate To Complete (ETC)''': geschätzter Restaufwand <br> ETC beschreibt - ausgehend vom jeweiligen Berichtszeitpunkt und der bis dahin erbrachten tatsächlichen Leistung - die geschätzte noch zu erbringende Leistung zur Erreichung des Ergebnisses auf dem PSP-Element in 100% Qualität. Dieser Wert wird ebenfalls monatlich aktualisiert.
 
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=== Abgeleitete Größen ===

Aus diesen Basisgrößen lassen sich die folgenden Kennzahlen zur Bewertung der Projekt- bzw. PSP-Leistung ableiten:

* '''Earned Value (EV)''': Fertigstellungswert <br> Der Fertigstellungswert EV ist die zentrale Leistungskennzahl der Earned-Value-Analyse. Er misst die auf einem PSP-Element zum betreffenden Berichtszeitpunkt erzielte Leistung, indem er den geplanten Gesamtaufwand BAC mit dem geschätzten Restaufwand ETC vergleicht. <br> Es ist EV = BAC - ETC. 

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* '''Cost Variance (CV)''': Kostenabweichung <br> Die Kostenabweichung CV vergleicht auf einem PSP-Element die zu einem gegebenen Berichtszeitpunkt erzielte Leistung mit dem tatsächlich dafür entstandenen Aufwand. Verknüpft man diese Informationen mit geeigneten Umrechnungssätzen, so lassen sich Aussagen über die aktuelle Kostensituation gewinnen. Dabei bedeutet CV < 0 "kostenungünstig", CV = 0 "im Plan" und CV > 0 "kostengünstig". <br> Es ist CV = EV - AC. 

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* '''Schedule Variance (SV)''': Terminabweichung <br> Die Terminabweichung SV vergleicht auf einem PSP-Element die zu einem gegebenen Berichtszeitpunkt erzielte mit der ursprünglich geplanten zu erzielenden Leistung. Dabei bedeutet SV < 0 "terminungünstig", SV = 0 "im Plan" und SV > 0 "termingünstig". <br> Es ist SV = EV - PV. 

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* '''Cost Performance Index (CPI)''': Kostenentwicklungsindex <br> Beim Kostenentwicklungsindex CPI wird anstelle der Differenz zwischen erzielter Leistung und tatsächlich dafür entstandenen Aufwand der Quotient aus beiden Zahlen gebildet. Dabei bedeutet CPI < 1 "kostenungünstig", CPI = 1 "im Plan" und CPI > 1 "kostengünstig". <br> Es ist CPI = EV / AC. 

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* '''Schedule Performance Index (SPI)''': Terminentwicklungsindex <br> Beim Terminentwicklungsindex SPI wird anstelle der Differenz zwischen erzielter und ursprünglich geplanter zu erzielenden Leistung der Quotient aus beiden Zahlen gebildet. Dabei bedeutet SPI < 1 "terminungünstig", SPI = 1 "im Plan" und SPI > 1 "termingünstig". <br> Es ist SPI = EV / PV. 

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* '''Cost Estimate At Completion (C-EAC)''': erwarteter kostenmäßiger Gesamtaufwand <br> Ausgehend von einem Berichtszeitpunkt kann auf einem PSP-Element aus dem geplanten Gesamtaufwand BAC und dem Cost Performance Index CPI der erwartete kostenmäßige Gesamtaufwand C-EAC bestimmt werden. <br> Es ist C-EAC = BAC / CPI.

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* '''Schedule Estimate At Completion (S-EAC)''': erwarteter terminmäßiger Gesamtaufwand <br> Ausgehend von einem Berichtszeitpunkt kann auf einem PSP-Element aus dem geplanten Gesamtaufwand BAC und dem Schedule Performance Index SPI der erwartete terminmäßige Gesamtaufwand S-EAC bestimmt werden. <br> Es ist S-EAC = BAC / SPI.

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Folgende Abbildung stellt diesen Zusammenhang grafisch dar:

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[[Image:eva1.jpg]]
'''Abbildung 1: Konzept: Basisgrößen und abgeleitete Größen'''
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In TOP-S findet die entsprechende Abbildung der beschriebenen Größen in der Leistungssicht statt.
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[[Image:eva4.jpg]]
'''Abbildung 2: TOP-S Leistungssicht: Basisgrößen und abgeleitete Größen'''
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=== Beispiel ===

Das folgende Beispiel verdeutlicht das Konzept der Earned-Value-Analyse:

Im Rahmen der Planung wurde für ein Projekt ein Gesamtaufwand von 1.000 PT ermittelt. Zu einem Berichtszeitpunkt während der Projektlaufzeit, an dem plangemäß 500 PT Leistung erbracht sein sollten, wurden ein tatsächlich geleisteter Aufwand von 542 PT und eine erzielte Leistung von 375 PT festgestellt. 

Somit ist: <br> BAC = 1.000 PT, <br> PV = 500 PT, <br> AC = 542 PT, <br> EV = 375 PT.

Hieraus folgt: <br> CV = 375 PT - 542 PT = -167 PT, <br> SV = 375 PT - 500 PT = -125 PT, <br> CPI = 375 PT / 542 PT = 0,69, <br> SPI = 375 PT / 500 PT = 0,75.

Geht man zum Berichtszeitpunkt davon aus, dass es sich um Abweichungen mit einem eher einmaligen Charakter handelt und ab sofort wieder die Planvorgaben eingehalten werden, werden zum Projektende kostenbezogene Mehraufwände in Höhe von 167 PT und terminbezogene Mehraufwände in Höhe von 125 PT zu erwarten sein.

Werden hingegen die Abweichungen als typisch eingestuft, so lassen sie sich mit Hilfe von CPI und SPI linear in die Zukunft fortsetzen. In diesem Fall gilt: <br> C-EAC = BAC / CPI = 1.000 PT / 0,69 = 1.450 PT, <br> S-EAC = BAC / SPI = 1.000 PT / 0,75 = 1.333 PT.

Liegen Informationen zu Umrechnungssätzen und Mitarbeitern vor, so lassen sich daraus Aussagen zu Kosten und Dauern ableiten. Geht man z.B. für die Leistungserbringung von einem Tagessatz von 800 EUR und einer Verfügbarkeit von 5 FTEs (Full Time Equivalents) aus, so sind Mehrkosten von 450 PT * 800 EUR / PT = 360.000 EUR und eine Verlängerung der Projektlaufzeit um 333 PT / 5 Personen = 67 Tage zu erwarten.



== Die Earned-Value-Analyse in Top-Logic Project ==

Zur Durchführung der Earned-Value-Analyse wird in Top-Logic Project folgender Weg beschritten: 

Zunächst müssen pro relevantem PSP-Element die für die Berechnung erforderlichen Basisgrößen eingegeben werden. Bei der Erfassung wird zwischen den Leistungsarten

* EL (Eigenleistungen) = alle von einem Unternehmen selbst erbrachte Leistungen, die nicht an Dritte verkauft werden (z.B. selbst durchgeführte Reparaturen, Halb- und Fertigfabrikate, innerbetriebliche Leistungen),
* FL (Fremdleistungen) = Leistungen, die ein Unternehmen einkaufen kann, um die eigene Handelsware herstellen zu können (z.B. Rohstoffe, Handelswaren, Dienstleistungen, Kapital)

sowie den Aufwandsarten

* CAPEX (Capital Expenditures) = Kapitaleinsatz für langfristige Investitionsgüter (z.B. Maschinen, Gebäude, Erstausrüstung, Ersatzteile, Rechnersysteme),
* OPEX (Operational Expenditures) = laufende Ausgaben für den operativen Geschäftsbetrieb (z.B. Rohstoffe, Betriebsstoffe, Personal, Leasing, Energie),
* NSEX (Non-Specified Expenditures) = Aufwände, die weder CAPEX noch OPEX zuzuordnen sind.

unterschieden. Grundsätzlich ist jede Leistungs- mit jeder Aufwandsart kombinierbar. 


=== Eingabe von Planwerten ===

Für ein 3-Tupel (PSP-Element, Leistungsart, Aufwandsart) sind der geplante Gesamtaufwand BAC (in PT) und ein Umrechnungsfaktor (in EUR / PT) einzugeben. Hieraus berechnet das System automatisch die geplanten Gesamtkosten (in Tausend EUR). Einen Spezialfall stellt die Leistungsart ''Fremdleistung (Festpreis)'' dar, die fest mit der Aufwandsart ''CAPEX'' verknüpft ist. In diesem Fall gibt der Nutzer anstelle von BAC und Umrechnungsfaktor die geplanten Gesamtkosten manuell ein. Das System ermittelt über alle PSP-Elemente die Summe der geplanten Gesamtaufwände und der zugehörigen Kosten. 


=== Eingabe von Istwerten ===

Zur Eingabe von Istwerten wählt der Benutzer das Jahr und den Monat aus. Danach gibt er für ein 3-Tupel (PSP-Element, Leistungsart, Aufwandsart) den im gewählten Monat geleisteten Ist-Aufwand (in PT) sowie den danach gültigen Restaufwand ETC (in PT) im Stand dieses Monats ein. Mit Hilfe der Umrechnungsfaktoren der Planwerte bestimmt das System die zugehörigen Kosten. Für die Leistungsart ''Fremdleistung (Festpreis)'' werden die aktuellen Ist- und gesamten Restkosten direkt eingegeben.

Um dem Benutzer einen Gesamtüberblick über die Aufwände der einzelnen PSP-Elemente zu ermöglichen, findet sich neben der Tabelle zur Eingabe von Ist- und Restwerten für den betreffenden Monat eine Zusammenfassung der Plan-, Ist- und Restaufwände der Projektstruktur über die gesamte Laufzeit - jeweils ausgedrückt in Personentagen und Kosten.

Eine Summenzeile fasst wie bei den Planwerten die Einzelinformationen aus den PSP-Elementen zusammen.


=== Earned-Value-Analyse ===

Aus der Eingabe der Plan- und Istwerte berechnet Top-Logic Project die einzelnen Größen der Earned-Value-Analyse und führt sie im Statusbericht zusammen.
